Warum „Warum-Fragen“ keine Antwort liefern – und mit welchen Worten Sie Ihre mentale Stärke sabotieren
Achtung: Killerworte! Mit diesen Worten rauben Sie sich Ihre Freiheit.
Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.
Ludwig Wittgenstein
Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob Sprache lediglich dazu dient, Informationen auszutauschen? In ihrem Buch „Liebe neu denken“ beschreibt die Autorin Diane Hielscher eine weitaus tiefere Ebene: Sprache ist nicht nur ein Werkzeug zur Kommunikation, sondern die eigentliche Architektur unserer Realität.
Sprache ist der Raum, in dem unser Denken überhaupt erst entsteht. Da wir meist in ganzen Sätzen denken, setzen die Grenzen unserer Sprache oft auch die Grenzen unserer Wahrnehmung. Wörter sind niemals neutral. Sie sind wie emotionale Fußabdrücke; sie lösen Gefühle aus und prägen den Blick auf uns selbst und die Welt. Oft bemerken wir diesen Einfluss gar nicht, weil Sprache das Medium ist, in dem wir uns wie Fische im Wasser ständig bewegen.
Sprachmuster als zementierte Wirklichkeit
Besonders wirksam werden diese Muster dort, wo sie unhinterfragt bleiben. In unseren engsten Beziehungen zeigt Hielscher auf, wie alltägliche Begriffe unbewusste Machtstrukturen zementieren können:
Besitzdenken: Kosenamen wie „Schatz“ können die Individualität auslöschen und das Gegenüber unbewusst zum Objekt degradieren – wie ein Stempel, der „Meins“ besagt.
Negatives Framing: Begriffe wie „sturmfrei“ suggerieren, dass die Anwesenheit der Partnerin oder des Partners ein „Sturm“ (Stress) sei.
Wachstumsbremsen: Der Wunsch „Bleib so wie du bist“ ist zwar lieb gemeint, verneint aber die lebensnotwendige persönliche Weiterentwicklung, die wir für ein gesundes Leben brauchen.
Diese Muster sind eng mit Ihrer inneren Logik, Ihrem Bauplan, Ihrer Progammierung verknüpft. Sie bilden jene Entwürfen der Wirklichkeit ab, die wir unbewusst aus unserer Herkunft übernommen und im Umgang mit unserem Umfeld erlernt haben -als Regeln und Normen und als Bewältigungsstrategien, um im Dort und Damals unsere wichtigsten Bedürfnisse erfüllt zu bekommen. Was Sie für „normal“ oder „unveränderlich“ halten, ist selten eine objektive Wahrheit, sondern das Ergebnis sprachlich geformter innerer Erzählungen.
Systemisch-konstruktivistisch "erfinden" wir unsere Welt
Der Kybernetiker Heinz von Foerster hat das in seinem Buch Teil der Welt einmal es so ausgedrückt:
Das Wesentliche des Zauberns liegt darin, den Zuschauer zu überreden, eine Welt für sich zu konstruieren, in der Wunderbares passiert. So ist sozusagen meine frühe Assoziation mit der Zauberei direkt mit Konstruktivismus verknüpft. Du musst dem Anderen eine Geschichte so erzählen, dass er plötzlich selber sieht, dass ein Elefant, der auf der Bühne stand, nicht mehr dasteht. Wenn dir das gelingt, bis du ein guter Zauberer.
Foerster, Heinz von & Bröker, Monika (2007): Teil der Welt. Heidelberg: Carl-Auer, S. 100.
Aber auch ohne Zauberei gilt: Wir finden die Welt nicht vor, wie sie ist, wir „erfinden“ sie durch unsere Interpretation.
In einer akuten Krise, bei Ängsten oder nach traumatischen Erfahrungen, kann sich dieser Wirklichkeitsentwurf wie eine unumstößliche, schmerzhafte Wahrheit anfühlen, die wir nicht beeinflussen können. Es ist als gäbe es keinen anderen Blickwinkel mehr.
Hier hilft die Unterscheidung von Paul Watzlawick: Er trennte zwischen der bloßen Tatsache (Wirklichkeit 1. Ordnung) und der Bedeutung, die wir ihr geben (Wirklichkeit 2. Ordnung).
In meiner Arbeit als systemische Traumatherapeutin sehe ich immer wieder, wie sehr Menschen unter den Bedeutungen leiden, die Sie den Umständen zuschreiben. Sätze wie „Ich bin nicht genug“ oder „Ich werde immer allein bleiben“ sind keine Fakten, sondern erlernte Wirklichkeiten, die zur schmerzhaften Realität werden um sich immer wieder aufs Neue zu bestätigen, bis wir selbst aufhören an sie zu glauben.
Wenn Sie sich Unterstützung beim Bewusstwerden und Bearbeiten Ihrer Glaubenssätze wünschen, unterstütze ich Sie gerne.
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8 Worte, die Sie besser aus Ihrem Wortschatz streichen
1) aber... ich sag lieber und
„Aber“ löscht, was davor gesagt wurde. Kommunikativ und innerpsychisch gilt: Alles vor dem „aber“ verliert an Gewicht.
- „Ich verstehe dich, aber …“
- „Ich will ja, aber …“
Systemisch betrachtet erzeugt „aber“ eine Hierarchie zwischen zwei Aussagen und entscheidet sich immer gegen den ersten Teil.
Typische Wirkung
- Abwertung von Gefühlen (bei sich selbst oder anderen)
- Verdeckter Widerstand
- Selbstrechtfertigung statt Selbstklärung
Hilfreiche Alternative
- „und gleichzeitig“
- „und dennoch/trotzdem“
- „und das steht neben …“
Diese Formulierungen erlauben Sowohl-als-auch statt Entweder-oder – ein Kernprinzip systemischen Denkens.
2) eigentlich
„Eigentlich“ relativiert und erzeugt eine Spaltung zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was offenbar „wirklich“ gemeint ist.
- „Eigentlich geht es mir gut.“
- „Eigentlich will ich das gar nicht.“
Systemisch gesprochen: „eigentlich“ hält Menschen in der Schwebe. Es schützt vor Klarheit und damit auch vor Konsequenzen.
Typische Wirkung
- Selbstentwertung
- Unklare Selbstpositionierung
- Aufschub von Entscheidungen
Hilfreiche Alternative
- Am besten einfach weglassen
‘nen Scheiß muss ich!
„Ich muss“ verschiebt Verantwortung nach außen.
Die Handlung erscheint fremdbestimmt, obwohl wir als selbstverantwortliche Menschen stets frei wählen.
- „Ich muss arbeiten.“
- „Ich muss für meine Familie funktionieren.“
Psychologisch reduziert das das Gefühl von Selbstwirksamkeit und führt in eine Opferhaltung, die sich vielleicht bequem anfühlt, aber nicht frei macht.
Typische Wirkung
- Opfergefühl
- Erschöpfung
- verdeckter Groll
Hilfreiche Alternative: Reframing
„Ich muss“ lässt sich fast immer übersetzen in:
- „Ich entscheide mich dafür, weil …“
- „Ich will …, um … zu vermeiden / zu erreichen“
Das macht den Preis sowie den Nutzen sichtbar und zeigt Wahlmöglichkeiten auf: wir haben (fast) immer eine Wahl!
Warum und warum nicht?
„Warum?“ sucht vermeintlich nach Ursachen tatsächlich jedoch oft nach Schuld. Wer fragt:
- „Warum hast Du schon wieder?“
- „Warum versteht mich keiner?“
- “Warum kann ich nicht loslassen?”
will die wirkliche Ursache meist gar nicht wissen und bekommt auch keine echte Antwort.
Typische Wirkung
- Abwehr, Verteidigung und Rechtfertigung
- Überforderung und gedankliche Sackgasse
- Rationalisierung: gelernte, logisch klingende Erklärungen
Alternative Frageworte
- „Wozu (Funktion) oder wofür (Sinn / Nutzen) ist das gut?“
- „Was würde ihre Freund:in dazu sagen?“
- “Woran würden Sie merken, dass…?”
- “Wie haben Sie solche Situationen bisher gemeistert?”
- “Welche Ihrer Fähigkeiten sind hier besonders wertvoll?”
Diese Fragen sind offen, durchbrechen Denkmuster, eröffnen Perspektiven und aktivieren Ressourcen und Suchprozesse im System, anstatt nach linear-kausalen Zusammenhängen zu fragen.
nicht immer aber immer öfter
„Immer“ und „nie“ sind Generalisierungen. Sie löschen Unterschiede, schränken ein und verhindern Entwicklung.
- „Immer kommst Du zu spät und nie hörst Du mir zu.“
- „Ich mache immer alles falsch.“
- „Immer passiert mir das.”
- „Irgendwie gerate ich immer an die falschen…”
Kognitiv betrachtet handelt es sich um Übergeneralisierung. Aus systemischer Perspektive handelt es sich um eine Verfestigung von Narrativen, die unsere Sicht auf die Welt einschränken.
Typische Wirkung
- Eskalation in Beziehungen
- Gefühl von Ausweglosigkeit
- Identitätszuschreibungen statt Verhaltensbeschreibungen
Hilfreiche Alternative
- „oft“, „häufig“, „in letzter Zeit“
- konkrete Situationen benennen
- zeitliche Einordnung statt Absolutheit
Damit wird aus einer scheinbaren Wahrheit wieder eine beobachtbare Erfahrung.
Wer ist eigentlich dieser man?
Menschen nutzen „man“, um unbewusst Verantwortung abzulegen, sich emotional zu distanzieren (wie beim „distanced self-talk“) oder soziale Normen auszudrücken.
- „Man müsste da konsequenter sein.“
- „Man darf sich das nicht so zu Herzen nehmen.“
Systemisch betrachtet steckt oft die Erfahrung dahinter, dass abweichende Meinungen bestraft werden. Es dient somit als Schutzmechanismus, um Ablehnung oder Beschämung zu vermeiden und die eigene Position zu verschleiern.
Typische Wirkung
- Vermeidung von Verantwortung
- Unklarheit in Beziehungen
- Selbstentfremdung
Hilfreiche Alternative
- nehmen Sie bewusst wahr, wann Sie „man“ verwenden und welche Funktion diese Distanz für Sie hat.
- üben Sie „ich“ zu sagen und Position zu beziehen beobachten Sie, wie es sich anfühlt und was passiert.
hätte, hätte Perlenkette
Der Konjunktiv spricht von dem, was sein könnte oder gewesen wäre, und umgeht dabei das, was jetzt tatsächlich ist. Er suggeriert Nähe, hält aber auf Abstand:
- „Es wäre schön, wenn du hier wärst.“
- „Ich hätte gern mehr Zeit für uns.“
- „Ich wäre gern anders für dich da.“
- „Ich wünschte, wir hätten das früher gemacht.“
Typische Wirkung
- Hoffnung und Nähe ohne Taten und Verbindlichkeit
- Aufschub von Entscheidungen
- Konflikte zu entschärfen, ohne etwas zu verändern
Hilfreiche Alternative
Wenn Du häufig im Konjunktiv sprichst: willst Du einfach höflich sein oder drückst Du dich vor einer Entscheidung?
- Frage Dich, wovor du Dich schützt und wovor Du Angst hast?
- erkenne lehre Versprechen in schillernden Wortgewändern.
In authentischen, selbstbewussten Beziehungen braucht es keinen Konjunktiv: Nähe entsteht dort, wo Bedürfnisse und Grenzen klar und respektvoll benannt werden – ohne Wenn und Aber.
Wenn Sie heute beginnen, Ihre eigenen Worte zu hören, können Sie bemerken, welche Realität sie erschaffen und erkennen, dass es möglich ist, andere Worte zu wählen. Nicht, weil man „positiv denken“ müsste, sondern weil Sie die Wahl und damit auch die Verantwortung haben, Sprache als ein kraftvolles Instrument zu nutzen, mit dem Sie Ihre Realität – im Guten wie im Schlechten – fortlaufend miterschaffen.
Herzlich Ihre
Lilly Maus