Systemisch A wie Autonomie
Systemische Begriffe kurz erklärt
Autonomie ist unmöglich, solange man von irgendetwas getrieben wird.
Garbor Maté
Autonomie klingt nach Unabhängigkeit, nach „mein eigenes Ding machen“, nach Freiheit von äußeren Einflüssen. Doch so einfach ist es nicht. Gerade in Beziehungen erleben viele Menschen Autonomie als Spannungsfeld: Wie viel Nähe ist zu viel? Wie viel Eigenständigkeit gefährdet die Verbindung? Die systemische Perspektive bietet hier einen überraschenden Gedanken: Autonomie und Verbundenheit sind keine Gegensätze. Sie bedingen einander.
Begriffsdefinition
Autonomie (griechisch autos = selbst, nomos = Gesetz) beschreibt in der Systemtheorie die Fähigkeit eines Systems, seine Entwicklung nach eigener innerer Logik zu organisieren. Das klingt abstrakt, hat aber weitreichende Konsequenzen: Ein autonomes System lässt sich von außen nicht direkt steuern, nur irritieren. Es entscheidet selbst, welche Einflüsse aus der Umwelt anschlussfähig sind und welche Bedeutung es ihnen gibt.
Die Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela, Begründer des Autopoiese-Konzepts, formulieren es in ihrem Buch „Der Baum der Erkenntnis“ so:
Ein System ist autonom, wenn es fähig ist, seine eigene Gesetzlichkeit, das ihm Eigene, zu spezifizieren.
Maturana & Varela, Der Baum der Erkenntnis, 1987, S. 55
Entscheidend dabei ist: Autonomie bedeutet nicht Unabhängigkeit. Systeme sind fortwährend mit ihrer Umwelt verbunden. Maturana und Varela sprechen von struktureller Kopplung. Ein System ist autonom, weil es selbst bestimmt, was aus der Umwelt relevant ist. Autonomie meint also nicht die Abwesenheit von Einflüssen oder Beschränkungen, sondern eine bestimmte Form des Umgangs mit ihnen.
Autonomie in der Systemischen Praxis
Wenn Autonomie bedeutet, dass sich Systeme nur irritieren, nicht steuern lassen, verändert das die therapeutische Haltung grundlegend. Ratschläge und Lösungsvorschläge verfehlen ihr Ziel, weil jedes System selbst entscheidet, was anschlussfähig ist.
Systemische Therapeut:innen schaffen einen Rahmen, in dem Klient:innen ihre eigene innere Logik erkunden können: Was brauche ich? Was ist mir wichtig? Wo liegen meine Grenzen? Aus dieser Klarheit heraus entstehen tragfähige Lösungen, weil sie vom System selbst entwickelt wurden.
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Beispiel
Disclaimer: Alle Beispiele sind frei erfunden und zum Zwecke der Begriffserläuterung konstruiert. Sie bilden weder die Wirklichkeit noch die Komplexität der menschlichen Psyche ab, da sie einseitig einen Begriff in den Fokus nehmen. Schaubilder wurden entweder eigens für die Fälle erstellt oder inhaltlich maßgeblich verfremdet.
Situation
Alex und Sam sind seit sieben Jahren ein Paar. In letzter Zeit häufen sich Konflikte um ein wiederkehrendes Thema: Zeit. Sam wünscht sich mehr gemeinsame Abende, Alex braucht Raum für eigene Aktivitäten. Beide fühlen sich unverstanden. Sam erlebt Alex‘ Rückzug als Ablehnung, Alex empfindet Sams Wunsch nach Nähe als Einengung. Die Gespräche darüber enden regelmäßig im Streit oder im Schweigen.
Systemische Interventionen
Auftragsklärung: Was soll hier heute entstehen?
Zu Beginn fragt die Therapeutin, was sich beide von der gemeinsamen Arbeit erhoffen. Diese Frage ist mehr als Formalität. Sie respektiert die Autonomie des Paares: Nicht die Therapeutin definiert, woran gearbeitet wird, sondern Alex und Sam.
Sam formuliert den Wunsch, sich wieder verbundener zu fühlen. Alex möchte verstehen, warum das Thema so eskaliert. Beide Anliegen stehen gleichberechtigt nebeneinander.
Kontextualisierung: Wann wurde das zum Problem?
Die Therapeutin erkundet, seit wann die Konflikte bestehen und was sich im Umfeld verändert hat. Alex hat vor einem Jahr eine neue Stelle angetreten, mit längeren Arbeitszeiten und mehr Verantwortung. Sam arbeitet seit der Pandemie im Homeoffice und erlebt weniger soziale Kontakte außerhalb der Beziehung.
Diese Einordnung entlastet: Das Muster entstand nicht aus mangelnder Liebe, sondern als Reaktion auf veränderte Lebensumstände. Beide Systeme (Alex und Sam als Einzelpersonen, das Paar als romantisches System) haben sich an neue Bedingungen angepasst.
Zirkuläres Fragen: Die Perspektive wechseln
Die Therapeutin fragt Alex: „Wenn Sam abends fragt, ob ihr gemeinsam etwas unternehmt, und Du sagst, Du brauchst Zeit für Dich, was glaubst Du, wie Sam das erlebt?“
Und an Sam: „Wenn Alex sich zurückzieht, was denkst Du, was Alex in diesem Moment braucht?“
Diese Fragen laden dazu ein, die Welt mit den Augen der anderen Person zu sehen. Sie machen deutlich, dass beide Verhaltensweisen eine innere Logik haben. Sam erfährt, dass Alex‘ Rückzug keine Ablehnung ist, sondern ein Bedürfnis nach Regulation. Alex versteht, dass Sams Wunsch nach Nähe aus Unsicherheit entsteht und dem daraus entstehenden Bedürfnis nach Bestätigung und Kontrolle.
Das Bedürfnis hinter dem Verhalten: Ressourcenorientierte Exploration
Die Therapeutin fragt beide: „Was brauchst Du, um Dich in dieser Beziehung wohl zu fühlen?“
Alex beschreibt das Bedürfnis nach Rückzugsräumen, um nach einem vollen Arbeitstag wieder zu sich zu kommen. Ohne diese Zeit fühlt Alex sich ausgelaugt und dünnhäutig.
Sam spricht von Sicherheit und Zugehörigkeit. Gemeinsame Zeit ist für Sam ein Zeichen, dass die Beziehung trägt und Alex noch da ist.
Beide Bedürfnisse sind legitim. Die Frage ist nicht, wer Recht hat, sondern wie das Paar einen Umgang findet, der beides würdigt (vgl. auch Bedürfnisse gewaltfrei verhandeln).
Autonomie sichtbar machen: Unterschiede als Ressource
Die Therapeutin normalisiert den Unterschied: „Es klingt so, als hättet Ihr verschiedene Wege, wie Ihr Euch reguliert und Verbindung spürt. Das ist in Beziehungen normal. Die Frage ist, wie Ihr mit diesen Unterschieden umgehen wollt.“
Sie fragt weiter: „Gab es Zeiten, in denen Euch das besser gelungen ist? Was war da anders?“
Sam erinnert sich an eine Phase, in der klare Absprachen halfen: bestimmte Abende waren gemeinsam reserviert, andere gehörten jeder Person für sich. Alex ergänzt, dass es leichter war, Nähe zu genießen, wenn der eigene Freiraum nicht verhandelt werden musste.
Lösungsfokussierung: Was könnte ein nächster Schritt sein?
Die Therapeutin fragt: „Wenn Ihr an die nächsten Wochen denkt, was wäre ein kleiner Schritt, den Ihr ausprobieren könntet?“
Das Paar entwickelt gemeinsam eine Idee: Zwei Abende pro Woche sind verbindlich gemeinsam, an den anderen Abenden entscheidet jede Person für sich. Diese Lösung kommt von Alex und Sam, nicht von der Therapeutin. Sie ist anschlussfähig, weil sie aus dem System selbst entstanden ist.
Was nehmen Alex und Sam mit?
Alex und Sam verlassen die Therapie nicht mit einem fertigen Rezept, sondern mit einem veränderten Blick aufeinander. Sie haben eine neue Perspektive eingenommen, in der ihre unterschiedlichen Bedürfnisse keine Bedrohung für die mehr Beziehung sind. Autonomie bedeutet, dass beide Partnerpersonen ihren eigenen Werten und Bedürfnissen treu bleiben können, während sie sich immer wieder bewusst füreinander entscheiden.
„Autonomie ist unmöglich, solange man von irgendetwas getrieben wird.“
– Gabor Maté
Was Maté hier beschreibt, zeigte sich auch bei Alex und Sam: Solange beide von Angst getrieben waren (Sam von der Angst vor Verlust, Alex von der Angst vor Einengung), wurde das Verhalten reaktiv. Autonomie entsteht, wenn wir diese inneren Antreiber erkennen und uns bewusst entscheiden, wie wir handeln wollen.
Aus einer stabilen inneren Haltung heraus fällt es wesentlich leichter, die Andersartigkeit und die Bedürfnisse des Gegenübers anzuerkennen, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Es wird möglich, echte Kompromisse zu schließen, Interessen auszubalancieren und gleichzeitig emotional tief im Kontakt zu bleiben. Autonomie ist damit kein Widerspruch zur Nähe, sondern vergrößert die Chance für gesunde, erfüllende Beziehungen.
Wenn Sie Ihre Autonomie stärken wollen und dabei Unterstützung suchen, melden Sie sich gerne bei mir.
Lilly Maus