Virtuell verliebt: warum kann ich nicht loslassen?
Über den Umgang mit Emotionen wenn die Liebe geht.

Loslassen ist ein Prozess, kein Ereignis. Aber es kann viele Ereignisse in Gang setzen.
Wir müssen das Leben loslassen, das wir geplant haben, damit wir das Leben leben können, das uns erwartet.
Joseph Campbell
Loslassen – das klingt gar nicht so schwer, ist bei emotionalen Themen aber oft ein langwieriger Prozess und nicht, wie das Wort vermuten lässt, ein einmaliger Akt. Und meist ist es alles andere als einfach.
Einen Gegenstand loszulassen – zum Beispiel einen mit Gas gefüllten Luftballon oder einen Stein, den wir von einem Turm in die Tiefe fallen lassen – ist vergleichsweise leicht. Trotzdem braucht es eine Entscheidung und eine Handlung: die Hand zu öffnen.
Danach schauen wir dem Ballon vielleicht noch eine Weile hinterher, bis er als kleiner Punkt am Himmel verschwindet. Oder wir warten auf das Geräusch des Aufpralls und fragen uns, ob der Stein wohl zerbrochen ist, ob wir hinunterklettern und nachsehen oder ihn wieder aufheben würden. Wir beschäftigen uns weiter damit, was aus dem Ballon oder dem Stein geworden sein könnte.
Körperlich haben wir längst losgelassen. Solange wir gedanklich aber noch bei dem Stein oder dem Luftballon sind, ist der Prozess des Loslassens noch nicht abgeschlossen. Und auch die Gefühle, die damit verbunden sind, können immer wieder auftauchen – selbst dann, wenn wir lange nicht mehr an den Stein oder den Luftballon gedacht haben.
Emotionen loslassen
Wir sehen also, dass Loslassen schon dann keine einfache Angelegenheit ist, wenn es sich um physische Gegenstände und einmalige Handlungen in Form von Bewegungen handelt.
Das Loslassen von abstrakten Dingen wie Gefühlen oder Vorstellungen, Denkmustern oder Glaubenssätzen ist ein hochkomplexer und sehr individueller Prozess.
Deshalb gibt es auch kein Patentrezept, keine konkreten Schritte, keine definierten Zeitvorgaben und all die Dinge, die uns sonst als Lösungsstrategien zur Verfügung stehen, wenn wir im Alltag Situationen meistern und Probleme lösen.
Loslassen im virtuellen Kontext
Im konkreten Fall einer virtuellen Liebe kommen noch weitere Faktoren hinzu, die den Prozess besonders schwierig machen: Eine Liebe loszulassen, die sich überwiegend im eigenen Kopf abgespielt hat und vor allem auf Gedanken, Fantasien und inneren Bildern beruht, ist oft noch abstrakter als eine Beziehung loszulassen, die im realen Leben stattgefunden hat.
Der physische Akt des Loslassens fehlt. Es gibt keine Verabschiedung, keine Veränderung gemeinsamer Rituale, keine Auflösung geteilter Räume und keine Veränderungen im Alltag, die zwar oft schmerzhaft sind, dem Gehirn aber wichtige Signale zur Verarbeitung einer Trennung liefern.
Wenn es Ihnen ähnlich geht und Sie nicht verstehen, warum Ihnen das Loslassen so schwerfällt, können wir gemeinsam Ihre Gedanken und Gefühle wertfrei betrachten. So kann eine Haltung entstehen, aus der heraus Sie verstehen, welche verdeckten oder bisher ungelebten Bedürfnisse hinter Ihren Gefühlen und Verhaltensweisen stehen – und wie Sie sich diese Bedürfnisse erfüllen können, ohne dabei von einer bestimmten anderen Person abhängig zu sein.
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Ähnlich wie die Faktoren, die im ersten Teil dieser Serie die Intensität positiver Gefühle verstärken, können auch negative Gefühle beim Loslassen einer virtuellen Liebe besonders stark werden. Auch hier fehlt der Realitätscheck und wir sind auf das beschränkt, was unser Gehirn uns als Erfahrung anbietet.
Aufgrund der Negativitätsvoreinstellung (Negativity Bias) und der Tatsache, dass in der Phase des Liebeskummers im Gehirn einiges durcheinandergerät (siehe dazu meinen Blogbeitrag „Liebeskummer und Depression: Das große Gefühlschaos im Gehirn“), bietet uns unser Gehirn leider genau dann, wenn wir positive Gedanken am dringendsten bräuchten, automatisch das Gegenteil an. Es konfrontiert uns mit einem Worst-Case-Szenario nach dem anderen und vermittelt uns das Gefühl, nur die Wahl zwischen Pest und Cholera zu haben.
Das kann dazu führen, dass wir uns lieber gar nicht entscheiden. Doch genauso wie keine Antwort auch eine Antwort ist, ist keine Entscheidung auch eine Entscheidung. Wenn wir nichts tun, wird sich wahrscheinlich auch nichts ändern. Zumindest haben wir keinen Einfluss darauf, ob und wann sich etwas verändert. Das verstärkt das Gefühl von Hilflosigkeit und lässt uns in einer passiven Rolle verharren.
Die Entscheidung, eine unerfüllte Liebe loszulassen, fühlt sich selten wie ein Befreiungsschlag an. Sie ist aber die Voraussetzung dafür, das eigene Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.
Trennungen als Trigger für alte Verletzungen (Traumata)
Allen Trennungen, ob virtuell oder real, ist gemeinsam, dass sie nicht nur den Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen an die Oberfläche bringen. Oft lassen sie uns auch alten, unverarbeiteten Schmerz noch einmal stellvertretend durchleben. Dadurch kann sich der Schmerz um ein Vielfaches verstärken. Wir fühlen uns – wie damals – hilflos und ohnmächtig und haben Mühe, gute Entscheidungen zu treffen.
Genau genommen fällt es uns schwer, auf die Fähigkeiten unseres präfrontalen Cortex zurückzugreifen, der für Abwägen, Planen und Impulskontrolle zuständig ist. Stattdessen reagieren wir stärker aus unseren Emotionen heraus. Leider führt das im Außen oft nicht zu den Ergebnissen, die wir uns wünschen. Nicht selten erzeugen wir mit unserem Verhalten genau die Reaktionen, die wir am meisten fürchten.
So geraten wir leicht in alte Muster, bis es uns gelingt, neue Wege zu finden. Dabei helfen uns unsere bisherigen Lösungsstrategien oft nur begrenzt. Wir müssen uns gewissermaßen neu erfinden. Darin liegt auch die Chance, die in jeder Krise stecken kann.
Wir brauchen keine Krise, um uns zu verändern. Wenn wir im Rückblick dankbar auf eine Krise schauen, dann meist deshalb, weil wir uns auf diesem Weg verändert haben. Indem wir die Traurigkeit annehmen. Indem wir lernen, auch unsere Verletzungen anzunehmen. Indem wir unseren Horizont erweitern, alte Glaubenssätze hinterfragen und neue neuronale Verknüpfungen schaffen, auf die wir bei zukünftigen Herausforderungen zurückgreifen können.
Nein, es ist nicht einfach. Aber es lohnt sich.
Wie Sie den Prozess des Loslassens unterstützen können
Um eine virtuelle Liebe, die sich hauptsächlich in unserem Kopf abspielt, loszulassen, ist es zunächst wichtig, sich bewusst zu machen, dass die Beziehung nicht auf realen Erfahrungen und Interaktionen beruht, sondern noch mehr als bei jeder Verliebtheit eine Projektion der eigenen Sehnsüchte, Bedürfnisse und Wünsche auf die andere Person darstellt.
Nach diesem ersten Schritt kann es hilfreich sein, das Gehirn dabei zu unterstützen, die Prozessschritte zu durchlaufen, die Trennungen normalerweise mit sich bringen.
1. Sich wieder dem eigenen Leben zuwenden
Es ist wichtig, sich wieder auf die eigenen Bedürfnisse und Interessen zu besinnen und bewusst Dinge in den Alltag einzubauen, die einem normalerweise guttun. Dabei sollte man nicht warten, bis man Lust auf die jeweilige Handlung oder Aktivität hat, sondern auch dann beginnen, wenn das aktuelle Befinden eher dagegen spricht.
Nur so kann der Teufelskreis negativer Erfahrungen durchbrochen werden.
2. Veränderung zulassen
Veränderung ist notwendig. Die meisten Menschen stehen ihr skeptisch gegenüber, weil unser Gehirn aufgrund seiner Negativitätsverzerrung in unbekannten Situationen eher die Risiken als die Chancen sieht. Je mehr Veränderungen von außen aufgezwungen werden, desto eher entstehen Ängste oder innere Widerstände.
Unser Gehirn mag Veränderungen auch deshalb nicht, weil es dafür keine Standardprozeduren hat und sich entsprechend mehr anstrengen muss. Aber nur so können neue Erfahrungen gemacht werden, neue neuronale Verknüpfungen entstehen und alte Verbindungen schwächer werden.
Letztlich geschieht das Loslassen im Kopf genau so: Alte neuronale Verknüpfungen werden schwächer, weil neue stärker werden.
3. Gedanken sortieren und neue Perspektiven entwickeln
Neben den äußeren Veränderungen, die uns automatisch auf neue Gedanken bringen, kann es hilfreich sein, die eigenen Gedanken bewusst wahrzunehmen, zu sortieren und gezielt neue Gedanken zu denken. Auch das geschieht nicht „einfach so“.
Hier gibt es verschiedene Methoden, zum Beispiel einen Gedanken-Download (Braindump), die kognitive Umstrukturierung mithilfe eines Gedankenprotokolls, die Diary Card nach Linehan oder die Bearbeitung von Glaubenssätzen mithilfe von The Work nach Byron Katie.
Hilfreich ist dabei häufig, Gedanken aufzuschreiben und neue, hilfreichere Perspektiven zu entwickeln, die den automatischen alten Gedanken etwas entgegensetzen.
4. Ehrlich hinschauen: Was halte ich eigentlich fest?
Im Prozess des Loslassens geht es immer auch darum, hinzuschauen: Was halte ich eigentlich fest?
Ist es das Gefühl der Verliebtheit, das so schön und intensiv war? Die vermeintlich letzte Hoffnung auf die Erfüllung eines Lebenstraums – Kinder, ein Haus, noch einmal richtig lieben? Die Sehnsucht, nicht allein zu sein?
Oder geht es um etwas anderes?
Um die Angst vor der eigenen Vergänglichkeit? Um die Sehnsucht, Verantwortung für die eigenen Gefühle abgeben zu können? Um den Wunsch nach Wiedergutmachung für die Versäumnisse der Eltern? Um Bestätigung des eigenen Wertes? Um Ablenkung?
Was macht das Loslassen so schwer? Welches Versprechen war mit dieser Liebe verbunden? Und was davon kann nun nicht mehr erfüllt werden?
Hier ist es wichtig, ehrlich zu sich selbst zu sein und den Hintergründen der eigenen Gefühle auf die Spur zu kommen. Da wir dabei oft blinde Flecken haben, bringt der Blick von außen manchmal erst die notwendigen Erkenntnisse.
5. Bewusst Abschied nehmen
Last but not least kann es hilfreich sein, in einer ritualisierten Form Abschied zu nehmen. Auch hier gibt es verschiedene Möglichkeiten: vom Schreiben eines Briefes, der anschließend verbrannt wird, über das Vergraben eines symbolischen Gegenstandes bis hin zum Pflanzen eines Baumes, der für das steht, was sich nun neu entwickeln darf.
Wenn es Ihnen schwerfällt, alleine neue Impulse zu setzen und die Trennung zu verarbeiten, kann es hilfreich sein, bei den ersten Schritten an die Hand genommen zu werden. Gemeinsam können wir erarbeiten, was für Sie hilfreich ist.
Freunde und Verwandte sind in dieser Phase oft gute Begleiter. Trost und gut gemeinte Ratschläge sind jedoch nicht immer das, was wir gerade brauchen.
Ich unterstütze Sie gerne in Ihrem individuellen Prozess des Loslassens. Gemeinsam können wir herausfinden, was Sie festhalten lässt, alte Verletzungen verstehen und Schritt für Schritt wieder nach vorne schauen – auch oder gerade dann, wenn die Beziehung rein virtuell und emotional war.
Herzliche Grüße Ihre
Lilly Maus