Wo ist die Liebe hin?

Systemische Impulse für mehr echte Verbundenheit.

Liebe

Liebe ist ein Tu-Wort.“

In unserer Gesellschaft hält sich hartnäckig die Idee, dass Liebe vor allem ein Gefühl ist. Geprägt von Hollywood, Disney und Popkultur verbinden viele romantische Liebe mit ständiger Intensität, sexuellem Begehren und der Vorstellung von der einen richtigen Person, die uns magisch glücklich macht. Der Psychoanalytiker Erich Fromm nannte dies eine sentimentale Form der Entfremdung bzw. „Pseudoliebe“ – die Illusion, Liebe sei etwas, das man einfach passiv vorfindet oder besitzt.

Wenn in Partnerschaften oder anderen romantischen Systemen die Verliebtheit dem Alltagstrott weicht, fragen sich viele verzweifelt: Wo ist eigentlich die scheiß Liebe hin?

Ich schätze den Perspektivwechsel sehr, zu dem die folgenden beiden Zitate einladen:

Verliebtheit ist ein Gefühl, Liebe ist eine Entscheidung.

Liebe ist kein Zustand, sondern eine Praxis.

Was Liebe systemisch bedeutet

Eine Definition von Liebe nach Luhmann

Beziehung lässt sich als etwas verstehen, das nur besteht, solange es geschieht. Der Soziologe Niklas Luhmann beschrieb in seinem Buch „Liebe als Passion: Zur Codierung von Intimität (suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 1994)“ beschrieb Liebesbeziehungen als soziale Systeme, die sich nicht aus bloßen Gefühlen speisen, sondern aus fortlaufender Kommunikation. Für ihn ist Liebe kein Zustand, den zwei Menschen besitzen, sondern ein symbolischer Code, der es ermöglicht, immer wieder erfolgreich aneinander anzuschließen:

Liebe wird hier nicht, oder nur abglanzweise, als Gefühl behandelt, sondern als symbolischer Code, der darüber informiert, wie man in Fällen, wo dies eher unwahrscheinlich ist, dennoch erfolgreich kommunizieren kann.

Übertragen auf den Alltag bedeutet das: Eine Beziehung existiert nicht einfach weiter, weil sie einmal entstanden ist. Sie existiert, solange beide Seiten fortlaufend Anschluss aneinander herstellen – durch Blicke, Nachrichten, gemeinsame Routinen und Erlebnisse oder kleine Nachfragen. Bleibt dieser Anschluss aus, verschwindet zwar nicht die Erinnerung an die Verbindung, wohl aber ihre Gegenwart.

Liebe gestalten: wieso wir Zirkularität mitdenken sollten

Damit Anschlusshandlungen im Alltag verlässlich gelingen, braucht es ein Verständnis dafür, wie unsere Kommunikation miteinander verwoben ist. In der Kommunikationstheorie beschreibt der Begriff der Interpunktion von Ereignisfolgen, wie wir Beziehungsabläufe wahrnehmen und strukturieren. Die Erkenntnis stammt aus den Arbeiten von Gregory Bateson sowie Don Jackson und wurde unter anderem von Paul Watzlawick zu einem zentralen Axiom menschlicher Kommunikation ausgearbeitet:

Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt.

Kommunikation verläuft zirkulär, also kreisförmig, ohne einen einzelnen Ursprungspunkt. Jede Reaktion ist zugleich Impuls für die nächste Antwort. Wenn wir uns jedoch nur darauf konzentrieren, wer „angefangen“ hat, setzen wir subjektiv einen eigenen Startpunkt: Die eine Person zieht sich zurück, weil gekritisiert wird; die andere Person kritisiert, weil sich zurückgezogen wird. Beide Blickwinkel beschreiben dieselbe gemeinsame Schleife – nur mit unterschiedlichem Fokus.

Sobald ein Paar dieses zirkuläre Prinzip erkennt, entsteht Raum für echte Veränderung: Der Blick wandert weg von der Schuldfrage hin zur gemeinsamen Gestaltung des Kommunikationsflusses.

Verbundenheit in der Systemischen Praxis

Und hier könnte systemische Arbeit für Paare und andere romantische Systeme ansetzen: Sie fragt nicht, wer angefangen oder Recht hat, sondern welches Muster sich zwischen den beteiligten Personen eingespielt hat und welche Funktion es erfüllt. Der Blick wechselt von der Schuldfrage zur Struktur der Wiederholung: Was passiert kurz bevor der Konflikt beginnt? Wer tut was, worauf das Gegenüber wie reagiert?

Diese Verschiebung ermöglicht einen entlastenden Perspektivwechsel. Statt zu fragen, ob die Liebe noch irgendwo liegt, schauen wir darauf, welche Anschlusshandlungen noch stattfinden und welche pausieren. Es gibt niemanden, der etwas verloren hat. Es gibt lediglich einen Prozess, der ins Stocken geraten ist.

Lassen Sie uns Ihren individuellen Prozess starten.

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Beispiel

Disclaimer: Alle Beispiele sind frei erfunden und zum Zwecke der Begriffserläuterung konstruiert. Sie bilden weder die Wirklichkeit noch die Komplexität der menschlichen Psyche ab, da sie einseitig einen Begriff in den Fokus nehmen. Schaubilder wurden entweder eigens für die Fälle erstellt oder inhaltlich maßgeblich verfremdet. 

Situation

Kim und Robin leben seit mehreren Jahren zusammen und teilen sich Berufs- und Familienalltag. In den letzten Monaten hat  sich eine Dynamik entwickelt, die zu wiederkehrenden Streits und dem Gefühl von Distanz zwischen den beiden führt: Kim fühlt sich mit der mentalen Last (Mental Load) und der Organisation des Haushalts völlig allein gelassen, stellt detaillierte Listen auf und weist Robin auf -mal wieder- versäumte Aufgaben hin. Robin erlebt Kims Hinweise als ständige Entwertung seines Einsatzes, reagiert mit Trotz und Rückzug, erledigt Dinge erst auf den letzten Drücker oder – gemessen an Kims Standards – „falsch“.

Kims Perspektive ist: „Wenn ich es nicht selber mache, erinnere oder kontrolliere, passiert hier gar nichts!“. Robin erlebt die Situation so: „Egal, was ich tue, es ist nie gut genug, also kann ich es gleich lassen.“ Beide sitzen erschöpft in der Beratung und äußern ihre Sorgen: „Ich weiß nicht, was passiert ist, Du verstehst mich einfach nicht mehr! Lieben wir uns überhaupt noch?“

Systemische Impulse: Wege aus der Dynamik

In einer Dynamik wie der von Kim und Robin zeigt sich gut, dass organisatorische Ratschläge wie Beziehungs- oder Haushaltspläne meist ins Leere laufen. Solange die unbewussten Schutz- und Abwehrmuster greifen, wird jede Vereinbarung schnell zum nächsten Verhandlungsgegenstand.

Was das Erleben verändern könnte, sind gezielte Unterbrechungen der gewohnten Interaktionsschleife.

Als systemische Therapeutin verstehe ich die folgenden Impulse als Einladungen zum Experimentieren. Manche dieser Ideen eignen sich hervorragend für den geschützten Rahmen einer therapeutischen Sitzung, andere sind wie kleine Werkzeuge für den eigenen Alltag. Spürt für euch nach, wo eine Resonanz entsteht – und was sich stimmig anfühlt.

Impuls 1: Der „Magic Moment“

Um den verengten Fokus auf den aktuellen Alltagsfrust zu weiten, reisen wir gedanklich zurück an den Anfang. Mit vier Fragen aktivieren wir die ursprünglichen Resonanzräume:

  • Wann wusstest Du, dass Du mit diesem Menschen zusammen sein willst?

  • In was hast Du Dich verliebt?

  • Was war damals das Verlockende?

  • Was war Deine Sehnsucht, Deine Hoffnung, Dein Traum?

Dieses gemeinsame Erinnern ist legt den Fokus auf die Ressourcen der Beziehung. Es macht erfahrbar, auf welchem Fundament die Beziehung steht und welche Sehnsüchte im Logistik-Stress möglicherweise verschüttgegangen sind.

Impuls 2: Gamifiziert Eure Gespräche

Wer in Mustern feststeckt, führt oft immer wieder dieselben Gespräche. Um neue Reize zu setzen, helfen kleine Zufallselemente wie etwa selbst beschriebene Zettel, Fragenkarten wie z.B. „Wie geht es Dir wirklich?“ oder andere gemeinsame Spielimpulse. Das kann ein 15-minütiges gegenseitiges Vorlesen sein oder das 3-Minuten-Spiel, um Intimität berührend zu gestalten und das Bewusstsein sowie die Klarheit in Bezug auf persönliche Grenzen und Bedürfnisse zu erhöhen. Der Rahmen ist dabei klar: Consent – also das freiwillige und ausdrückliche Einverständnis beider Seiten – steht bei jedem Experiment an erster Stelle.

Impuls 3: Das Beziehungsbarometer

Statt darüber zu diskutieren, wie „schlimm“ es gerade ist und wem es schlechter geht, könnt Ihr Euch gegenseitig Raum für eine kurze Standortbestimmung geben und erfahren, wie es Eurem Gegenüber gerade in der Beziehung geht:

  • Die Akku-Metapher: Auf einer Skala von 1–10 gibt jede Person kurz Rückmeldung zu der Frage: „Wie geht es mir gerade mit unserer Beziehung?“ Wenn Ihr keine Zeit habt, die Rückmeldung zu vertiefen, wisst Ihr zumindest, wo die andere Person gerade steht. Wenn eine oder beide Zahlen sehr niedrig sind, könnt Ihr Euch entscheiden, ob Ihr Euch nochmal zusammensetzen möchtet, um darüber zu sprechen, woran das liegt.

  • Der strukturierte Check-In: Ein wöchentlicher Mini-Austausch mit Fragen wie: „Wie verbunden hast Du Dich diese Woche mit mir gefühlt?“, „Was hat Dir Sicherheit gegeben?“, „Worüber hast Du Dich gefreut?“, „Was hat Dich genervt?“, „Auf einer Skala von 1–10: Wie gesehen hast Du Dich von mir gefühlt?“ oder „Gibt es etwas, das Du mir schon länger mal sagen wolltest?“

Es geht nicht darum, wer welche Zahl nennt oder ob die Antwort der anderen Person gefällt, sondern darum, in einen Austausch darüber zu kommen, wieso die Zahl oder die Antwort so gewählt wurde.

Impuls 4: „Lass Dich fallen“ (Erfahrung von Vertrauen)

Diese körperorientierte Sequenz bringt das Thema Kontrolle auf die körperliche Ebene: Eine Person steht aufrecht, schließt die Augen und lässt sich nach hinten in die Arme des Partners oder der Partnerin fallen. Wenn das Thema Vertrauen stark belastet ist, wählen wir die sanftere Variante: Eine Person öffnet die Hände, die andere legt ihre Hände hinein. Ohne Worte spüren beide nach: Wie fühlt sich das Gehaltenwerden an? Welches Gefühl steigt auf? Was möchte verändert werden?

Impuls 5: Die Paradoxe Intervention (Der konstruktive Umweg)

Manchmal bringt erst die Überzeichnung die nötige Klarheit. Wir bearbeiten im Gespräch die Hypothese: „Was müsstet Ihr ab heute konsequent tun, damit Kim im Burnout landet und Robin sich komplett verabschiedet?“ Durch das Ausmalen des „Super-GAUs“ erkennen beide, dass es eine Möglichkeit gibt, selbst Einfluss auf das Geschehen zu nehmen.

Wer Einfluss auf das Misslingen der Beziehung hat, hat logischerweise auch Einfluss auf das Gelingen. In festgefahrenen Konstellationen überwiegt oft ein Gefühl von Ohnmacht, weil die Beteiligten mit den ihnen zur Verfügung stehenden Strategien nicht mehr weiterkommen. In so einer festgefahrenen Situation fühlt es sich entlastend an, den Fehler beim Gegenüber zu verorten und die Schuld sowie die Verantwortung dorthin abzuschieben.

Die paradoxe Intervention kann dabei unterstützen, die eigene Verantwortung sowohl für das Misslingen als auch für das Gelingen der Beziehung wieder zu spüren.

Daraus lässt sich dann leichter eine Antwort auf die Fragen ableiten: Wie kann ich die beste Version meiner selbst in dieser Partnerschaft werden? Was für ein:e Partner:in möchte ich für Dich sein und was konkret kann ich heute dafür tun, dass ich diese:r Partner:in werde?

Impuls 6: Rücken an Rücken (Konflikte körperlich unterbrechen)

Wenn eine Diskussion zu eskalieren droht, wechseln wir die Ebene: Die Beziehungspersonen setzen sich Rücken an Rücken auf den Boden. Kein Blickkontakt, keine Worte – nur der spürbare Kontakt an den Schultern und die eigene Atmung. Das gibt Sicherheit und erlaubt Selbstregulation im Raum, ohne den anderen zu verlassen.

Ihr könnt auch Kopfhörer benutzen und Euren Lieblingspodcast hören, ein Buch lesen, auf Instagram scrollen, zocken oder was auch immer Euch individuell hilft, Euch zu regulieren.

Diese Übung kann insbesondere dann hilfreich sein, wenn eine Person unter starken Trennungs- und Verlustängsten leidet oder es als emotionale Bestrafung erlebt, wenn die andere Person physisch auf Distanz geht, um sich zu regulieren.

Impuls 7: Worum geht es wirklich? (Bedürfnis vs. Schutz)

Hinter Vorwürfen, Mauern, Sarkasmus, Zynismus oder Beleidigungen stecken meist unerfüllte Bedürfnisse. Im therapeutischen Gespräch trennen wir diese Ebenen auf. Für den Alltag hilft die einfache Klärungsfrage: „Worum geht es mir gerade wirklich?“

Damit lässt sich die schnippische Bemerkung „Okay, dann sag ich halt gar nichts mehr“ in „Ich habe gerade Angst, dass ich etwas sage, was Dich verletzt oder verärgert“ oder der Vorwurf „Wenn ich nicht alles selber mache, läuft hier gar nichts“ in „Ich fühle mich überfordert und wünsche mir Deine Unterstützung“ umwandeln.

Auf diese Weise kann destruktive/toxische Kommunikation in einen konstruktiven Umgang mit Konflikten überführt werden, der Eure Verbindung stärkt. Mehr dazu findet Ihr in meinem Blogartikel zu den Vier apokalyptischen Reitern oder meinem Insta-Beitrag Warum sich toxische Kommunikation manchmal sicherer anfühlt als Nähe.

Impuls 8: Erwartungen klären

Ungesprochene Erwartungen sind der verlässlichste Nährstoff für Enttäuschung. Hier beleuchten wir die inneren Glaubenssätze: Welche Bildentwürfe von Partnerschaft trage ich in mir? Welche davon stammen aus meiner Herkunftsfamilie und was davon passt überhaupt noch zu unserem heutigen Leben?

Klarheit über die eigenen Erwartungen (und die dahinterliegenden Bedürfnisse) sowie der Austausch darüber, was wir von einer Beziehung erwarten, ist eine wichtige Grundlage für das Gelingen Eurer Beziehung. In meinem Blogartikel „Erwartungen an die Partnerschaft: Was ist gesund und was kann weg?“ findet Ihr ein Arbeitsblatt, das Euch bei der Übung unterstützt. 

Impuls 9: Priming und kleine Experimente

Ob zum Abschluss einer Sitzung oder Eures gemeinsamen Tages: Ihr könnt die Aufmerksamkeit bewusst auf das Gelungene und Neue richten. Überlegt Euch:

  • Welcher Impuls hat bei mir Resonanz erzeugt?

  • Was habe ich Neues (über Dich/mich/uns) gelernt?

  • Welches winzige Alltags-Experiment wollen wir gemeinsam ausprobieren?

  • Was ist uns heute gut gelungen?

  • Woran wollen wir morgen arbeiten?

Beziehungen geraten selten durch ein einzelnes Ereignis in Schieflage und Krisen bedeuten nicht, dass die Liebe einfach „weg“ ist.

Meistens haben sich über einen längeren Zeitraum Muster eingeschlichen, die den Prozess blockieren, durch den zwei Menschen einander Nahsein signalisieren.

Verbundenheit und Liebe können am ehesten wieder wachsen, wenn Ihr Euch jeden Tag bewusst entscheidet, den Weg miteinander weiterzugehen. Denn Liebe ist ein Tu-Wort.

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