Systemisch B wie Beziehungsgestaltende Fähigkeiten von Symptomen

Systemische Begriffe kurz erklärt

Beziehungsgestaltende Fähigkeiten

Die Kernfrage lautet immer, WOFÜR ein bestimmtes Verhalten als Kompetenz verstanden werden kann. Anders gefragt, welches Licht, wirft diesen Schatten?

Beziehungsgestaltende Fähigkeiten von Symptomen? 

Aha!

Meine Depression hat also Fähigkeiten und meine Migräne gestaltet Beziehungen? Und die Magersucht meines Kindes erfüllt eine Funktion im Familiensystem? Na toll!

Wenn Du das zum ersten Mal hörst, klingt es vermutlich irgendwas zwischen deutlich ungewohnt und absurd, ja vielleicht sogar wie eine Verhöhnung dessen, was Du oder Menschen in Deinem Umfeld gerade durchmachen. Du kannst keinen Sinn hinter Deinem Symptom sehen, Du möchtest es einfach loswerden. Wieso solltest Du Deinem Symptom eine Fähigkeit zuschreiben?

In der Systemischen Therapie und Beratung hat sich das Paradigma der „Beziehungsgestaltenden Fähigkeiten von Symptomen“ etabliert, weil dadurch hilfreiche Perspektivwechsel ermöglicht werden. Damit sollen Symptome oder Symptomkomplexe nicht bagatellisiert werden. Es geht nicht darum zu behaupten, dass ein Symptom an sich etwas Angenehmes ist oder dass Leiden einen höheren Zweck erfüllt. Systemische Therapie fragt jedoch: Was verändert sich im Beziehungsgefüge, wenn dieses Symptom da ist, das ohne es nicht möglich wäre? Diese Frage beantworten die verschiedenen systemischen Schulen unterschiedlich, und genau dieser Facettenreichtum ist Thema dieses Artikels.

Begriffsdefinition aus acht Perspektiven: welche Beziehungsgestaltende Fähigkeiten hat ein Symptom?

Symptome, wie z.B. Schlafstörungen, Ticks, Grübeln, Niedergeschlagenheit oder Stimmungsschwankungen bzw. Symptomkomplexen verstanden als Depression, Angst, Magersucht, Bindungsmuster oder auch nur eine hartnäckige Verhaltensweise, lassen sich aus mindestens acht systemischen Blickwinkeln lesen. Keiner davon beansprucht, der richtige zu sein. Jeder legt eine andere Schicht des Beziehungsgeschehens im System frei.

Beziehungsgestaltende Fähigkeiten strukturell: Symptome als Wächter der Familienordnung

Aus struktureller Sicht (u.a. Salvador Minuchin) stabilisiert ein Symptom eine bestehende Ordnung im System, auch wenn diese Ordnung selbst belastend ist. Es entsteht dort, wo Grenzen zwischen Subsystemen verwischt oder zu starr gezogen sind, etwa wenn ein Kind unbewusst zwischen zwei zerstrittene Elternteile gestellt wird und dort Partei ergreifen muss. Das Symptom hält die Struktur zusammen, indem es die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Verschiebung ablenkt. Eine typische strukturelle Frage: Wer gehört in diesem System eigentlich zusammen, und welche Grenze verläuft gerade nicht dort, wo sie hingehört?

Beziehungsgestaltende Fähigkeiten strategisch-lösungsorientiert: Symptome als verdeckte Einflussnahme

Die strategisch-lösungsorientierte Therapie (u. a. Milton H. Erickson, Gregory Bateson, Paul Watzlawick, Steve de Shazer, im deutschsprachigen Raum Gunther Schmidt) liest ein Symptom als indirekte Form von Einfluss und Kontrolle innerhalb einer Beziehung, ohne dass diese Funktion bewusst intendiert wäre. Es entsteht dort, wo direkter Ausdruck von Bedürfnissen oder Macht in einem System nicht vorgesehen ist, und übernimmt diese Funktion auf einem Umweg. Im Zentrum steht dabei nicht die Frage nach der Ursache, sondern nach dem, was das Symptom im Hier und Jetzt bewirkt: Eine typische Frage dieser Schule lautet, was wäre anders, wenn das Symptom über Nacht verschwunden wäre, und wer müsste dann etwas anders machen?

Beziehungsgestaltende Fähigkeiten zirkulär: Symptome als Regulativ in der wechselseitigen Beziehungsgestaltung

Die zirkuläre Perspektive (Mailänder Schule) unterscheidet zwischen linearem und zirkulärem Denken. Lineares Denken sucht eine Ursache für eine Wirkung und endet dort. Zirkuläres Denken geht davon aus, dass eine Wirkung selbst wieder zur Ursache eines nachfolgenden Verhaltens wird, sodass sich die Kette irgendwann zu ihrem Ausgangspunkt zurückschließt. 

Ein Symptom ist in dieser Logik weder reiner Auslöser noch reine Folge, sondern ein Bindeglied in genau so einem sich selbst erhaltenden Kreislauf. 

Statt zu fragen, wer oder was den ersten Schritt gesetzt hat, fragt die zirkuläre Perspektive, welches Muster sich zwischen den Beteiligten immer wieder von selbst schließt, und nimmt damit bewusst Abstand von Schuldzuweisungen. 

In der Praxis wird dieses Denken vor allem über zirkuläre Fragen zugänglich gemacht: Fragen, die eine Person einladen, die Perspektive eines Dritten einzunehmen, etwa was eine gute Freundin beim Zusehen bemerken würde oder wie eine andere beteiligte Person eine bestimmte Situation vermutlich erlebt. Dieser Perspektivwechsel löst festgefahrene Ich-Erzählungen auf und macht sichtbar, wie eng das eigene Verhalten mit dem der anderen verwoben ist. Eine typische zirkuläre Frage: Wenn Person A auf Person B reagiert, wie reagiert eine dritte Person darauf, und wie wirkt das wiederum auf Person A zurück?

Beziehungsgestaltende Fähigkeiten narrativ: Symptome als Sprache für das Unsagbare

In der narrativen Therapie (Michael White, David Epston) transportiert ein Symptom eine Geschichte, für die im dominanten Beziehungsnarrativ kein Platz vorgesehen ist. Es wird zur einzigen verfügbaren Ausdrucksform für ein Erleben, das sonst ungehört bliebe. Michael White prägte dafür einen Satz, der bis heute zur Grundhaltung narrativer Arbeit gehört: 

Die Person ist nicht das Problem, das Problem ist das Problem.

Eine typische narrative Frage: Seit wann ist dieses Symptom in Dein Leben getreten, und welche Geschichte erzählt es über Dich, die sonst niemand hört?

Beziehungsgestaltende Fähigkeiten mehrgenerational: Symptome als Loyalitätsakt über Generationen

Aus mehrgenerationaler Sicht (Iván Böszörményi-Nagy, Helm Stierlin) kann ein Symptom eine unsichtbare Bindung an frühere Generationen aufrechterhalten. Es wiederholt ein Muster oder bedient eine Regel, das oder die in der Herkunftsfamilie eingeübt wurde, manchmal auf Kosten der eigenen Entwicklung in der Gegenwart. 

Das kann zum Beispiel unbewusste Loyalität zum Leid früherer Generationen sein und sich innerlich so anfühlen: „Wenn ich glücklich wäre, würde sich das anfühlen, als würde ich meine Großmutter verraten, ihr Leid bagatellisieren. Ich kann doch nicht einfach glücklich sein nach allem, was meine Großeltern durchgemacht haben.“ 

Genauso gut kann eine Symptomatik aber auch einer Familientradition, einer beruflichen Erwartung oder einem ungeschriebenen Wertekanon Ausdruck verleihen. Eine typische mehrgenerationale Frage: Welches Familiengesetz hält Dein Symptom gerade für Dich ein, und welche Regel oder Norm müsstest Du womöglich brechen, wenn es von heute auf morgen nicht mehr da wäre?

Beziehungsgestaltende Fähigkeiten erfahrungsorientiert: Symptome als Signal blockierten Kontakts

Für die erfahrungsorientierte Therapie (Virginia Satir, Carl Whitaker) entsteht ein Symptom dort, wo echte Begegnung durch Rollen und erlernte Überlebensmuster ersetzt wurde. Es zeigt an, dass authentischer Kontakt zwischen den Beteiligten unterbrochen ist, und wird gleichzeitig zum einzigen verbliebenen Kanal, über den etwas Wahres durchdringt. So kann beispielsweise ein immer wiederkehrender Streit oder ein beleidigter Rückzug in diesem Sinne ein Symptom sein. Ein eingespieltes Muster, das an die Stelle echter Begegnung getreten ist, und gerade dadurch die einzige Form bleibt, in der sich die handelnden Personen noch aufeinander beziehen.

Stellen wir uns ein Paar vor, das sich immer wieder in ähnliche Streitgespräche hineinsteigert: Satir würde die beiden bitten, sich für einen Moment direkt anzusehen und einen Satz über das eigene Erleben zu sagen statt über den Streitgegenstand, etwa „Ich habe gerade Angst, Dich zu verlieren“ statt eines weiteren Vorwurfs. Whitaker hätte womöglich provokant gefragt, was beide wohl fühlen würden, wenn sie in diesem Moment aufhören würden zu kämpfen, und genau diese Stille gemeinsam aushalten lassen. In beiden Fällen wird nicht der Streit selbst bearbeitet und analysiert, sondern der Kontakt darunter wieder zugänglich gemacht, für den der Streit bislang der einzige verfügbare Ausdruck war.

Beziehungsgestaltende Fähigkeiten phänomenologisch: Symptome als Präsenz im Zwischenraum

Die phänomenologische Perspektive denkt das Symptom nicht als Eigentum einer einzelnen Person, sondern als etwas, das sich im Feld zwischen den Beteiligten zeigt.

Ein Symptom kann beispielsweise darauf hindeuten, dass im Familiensystem jemand „ausgeschlossen“ wurde, etwa ein früh verstorbenes Kind, ein Familienmitglied mit einem tabuisierten Schicksal (Suizid, Kriminalität, eine uneheliche Beziehung, ein vergessener Vorfahre) oder jemand, über den in der Familie nicht gesprochen wird. Ein späteres Familienmitglied kann diese ausgeschlossene Person unbewusst repräsentieren, oft symptomatisch, bis die Person „anerkannt“ und wieder in die Familienordnung aufgenommen wird. Zentrale Begriffe sind „Ordnungen der Liebe“ und die „Integration des Familienschattens“ und stammen aus der Arbeit Bert Hellingers, der in großen Teilen der akademischen systemischen Therapie kritisch bis ablehnend gesehen, unter anderem als zu direktiv und zu dogmatisch bewertet wird. 

Beziehungsgestaltende Fähigkeiten wachstumsorientiert: Symptome als Schwelle im Entwicklungsprozess

Eine wachstumsorientierte Intervention würde die aktuelle Krise als Übergangsphase rahmen: Die bisherige Familienordnung, in der Jo vor allem die finanzielle Verantwortung und Robin einen großen Teil der Care-Arbeit übernommen hat, trägt unter den veränderten Bedingungen nicht mehr. Eine neue Form des Zusammenlebens und der Aufgabenverteilung ist gleichzeitig noch nicht entstanden. Gemeinsam könnte die Familie deshalb erkunden, was aus der bisherigen Ordnung erhalten bleiben soll, was nicht mehr passt und was neu entstehen darf. So kann die Krise als Entwicklungsphase verstanden werden, in der noch keine fertige Antwort vorhanden sein muss.

Ein gemeinsamer Kern: Symptome haben beziehungsgestaltende Fähigkeiten

So verschieden diese acht Linsen den Mechanismus beschreiben, so einig sind sie sich in einer Grundannahme: Ein Symptom ist in keiner dieser Perspektiven ein einfach ein Problem oder ein Defekt, den es wegzumachen gilt. Es übernimmt eine Funktion, trägt eine Bedeutung oder leistet eine Ordnungsarbeit im Beziehungsgefüge, selbst wenn diese Leistung für die Person, die das Symptom trägt, hoch belastend ist. Genau das meint der Begriff der beziehungsgestaltenden Fähigkeiten: Ein Symptom kann etwas im System bewirken, was auf direktem Weg gerade nicht möglich ist.

Was könnte das für Dich bedeuten?

Diese Perspektiven verändern natürlich nicht Dein Symptom, aber sie verändern möglicherweise Deinen Blick darauf. Statt Dich zu fragen, was mit Dir „nicht stimmt“, kannst Du fragen, welche Beziehungsarbeit gerade über das Symptom läuft. Das öffnet einen Raum, in dem Veränderung möglich wird, ohne dass jemand in Deinem System zum Schuldigen werden muss.

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Dir ist noch nicht ganz klar, was es mit den beziehungsgestaltenden Fähigkeiten von Symptomen auf sich hat? Hier kommt ein Beispiel.

Disclaimer: Alle Beispiele sind frei erfunden und zum Zwecke der Begriffserläuterung konstruiert. Sie bilden weder die Wirklichkeit noch die Komplexität der menschlichen Psyche ab, da sie einseitig einen Begriff in den Fokus nehmen. Schaubilder wurden entweder eigens für die Fälle erstellt oder inhaltlich maßgeblich verfremdet. 

Situation

Jo und Robin sind verheiratet und leben mit ihrem 14-jährigen Kind Charlie zusammen. Jo hat eine leitende Position im Krankenhaus und ist Hauptverdiener:in, geprägt von einer stark leistungsorientierten Herkunftsfamilie („Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“) und wertende Aussagen über nicht akademische Berufe („Wer nix wird, wird Wirt“). Robin hat sich zunehmend auf die Care-Arbeit konzentriert und irgendwann die Teilzeitstelle aufgegeben, um sich mit einem Café selbstständig zu machen.

In dieser Phase bekam Jo ein neues Jobangebot in einer anderen Stadt. Von pragmatischen Aspekten geleitet, traf das Paar die Entscheidung, umzuziehen. Charlie wirkte seitdem etwas abwesend, was die Eltern dem Umzug zuschrieben. Wirtschaftlich kam das Café nicht zum Fliegen. Jo trug fortan allein das Familieneinkommen, bei gleichzeitigem schlechten Gewissen wegen fehlender Zeit für Familie und Paarbeziehung.

Zudem war Robins berufliche Krise etwas, dass in ihrem Herkunftsystem nicht vorkommen durfte. Unbewusst entstand Abwertung, Robins Minderwertigkeitsgefühle verstärkten sich dadurch zunehmend. Sprechen konnte das Paar darüber nicht. Zu viel Scham zu viel Angst vor Verletzung.

Charlie erlebte neben dem neuen Umfeld und der Herausfordeung sich ein neues soziales Umfeld aufbauen zu müssen, eine zunehmende Distanz zwischen den Eltern. Als Charlie eine Magersucht entwickelt, sich Jos Migräne-Attacken häufen und Robin irgendwie gar nichts mehr auf die Reihe bekommt, sucht sich die Familie Unterstützung. 

Systemische Interventionen

Strukturell: Grenzen und Subsysteme neu ordnen

Eine strukturelle Intervention würde die Paar-Ebene als eigenes Subsystem stärken, getrennt von der Sorge um Charlie. Eine mögliche Übung: ein wöchentliches Gespräch, in dem ausschließlich Jo und Robin über die eigene Beziehung sprechen, ohne dass es um Charlie geht. Für Charlie könnte das spürbar entlasten, weil die elterliche Nähe nicht mehr über das eigene Symptom hergestellt werden muss.

Strategisch-lösungsorientiert: Dem Symptom seine Aufgabe abnehmen

Eine strategisch-lösungsorientierte Intervention würde gemeinsam mit der Familie untersuchen, was die jeweiligen Symptome im Zusammenleben ermöglichen oder verhindern. Jos Migräne könnte beispielsweise die einzige legitime Möglichkeit sein, nicht funktionieren und leisten zu müssen – und gleichzeitig Robin in diesen Situationen dazu bringen, wieder Verantwortung zu übernehmen. Robins depressive Symptomatik könnte vor weiteren beruflichen Enttäuschungen schützen: Wer keinen neuen Versuch wagt, kann auch nicht erneut scheitern. Gleichzeitig ermöglicht der Rückzug, Entscheidungen über den eigenen weiteren Lebensweg zunächst zu vermeiden. Charlies Essverhalten wiederum könnte Jo und Robin über die gemeinsame Sorge wieder miteinander verbinden.

Aus diesen Hypothesen ließe sich anschließend die Frage ableiten: Wie könnten Jo, Robin und Charlie diese Funktionen auf andere Weise erfüllen, sodass die Symptome dafür weniger gebraucht werden? Jo könnte sich beispielsweise Auszeiten erlauben, ohne erst durch Migräne dazu gezwungen zu sein, Robin könnte Verantwortung in kleinen, selbst gewählten Schritten wieder übernehmen und Jo und Robin könnten bewusst Räume schaffen, in denen sie sich unabhängig von der Sorge um Charlie als Paar begegnen.

Zirkulär: Das Muster gemeinsam beschreiben lassen

Zirkuläres Fragen würde jedes Familienmitglied bitten, das Verhalten der anderen aus einer Außenperspektive zu beschreiben: Was würde Robin sagen, tut Charlie, wenn Jo eine Migräne-Attacke hat? Was würde ein guter Freund sagen, verändert sich zwischen Jo und Robin, wenn es Charlie schlechter geht? Das macht die Rückkopplung im System für alle sichtbar, ohne einer Person die Schuld für ein Symptom zuzuschreiben oder die jeweiligen Symptomträger:innen zu pathologisieren. 

Narrativ: Das Problem von der Person trennen

Eine narrative Intervention könnte Charlie einladen, der Magersucht einen eigenen Namen zu geben und sie damit zunächst von Charlie als Person zu trennen. Gemeinsam könnte die Familie anschließend untersuchen, welchen Einfluss das Problem auf ihr Zusammenleben gewonnen hat: Wann mischt es sich besonders stark ein? Was bringt es Jo und Robin dazu zu tun? Was verändert es zwischen den Eltern und Charlie? Und gibt es Situationen, in denen es weniger Einfluss auf die Familie hat?

So wird Charlie nicht mit dem Symptom gleichgesetzt und gleichzeitig sichtbar, welche Beziehungsgestaltung rund um das Problem entstanden ist. Ausnahmen und Momente, in denen die Familie bereits anders miteinander umgeht, können anschließend Ausgangspunkt für alternative Geschichten über Charlie und die Familie werden.

Diese kann in Form einer Aufstellung oder einem „Dialog mit dem Symptom“ geschehen: 
„Wenn das Symptom eine eigene Perspektiv hätte, wie würde seine Geschichte klingen? Was wünscht es sich? Was verspricht es jedem Familienmitglied, um weiter dazuzugehören? Was denkt es, was seine Aufgabe im System ist?“
Diese Externalisierung könnte Charlie und den Eltern neue Handlungsräume eröffnen. 

Mehrgenerational: Die Familienregel benennen

Eine mehrgenerationale Intervention würde gemeinsam mit Jo den Ursprung der Leistungsnorm nachzeichnen, etwa über ein Genogramm und so sichtbar zu machen, dass diese Norm ererbt und nicht selbst gewählt ist. Das könnte Jo einen Spielraum eröffnen,  Robins Weg anders zu bewerten und sich selbst weniger Druck zu machen. Weniger „müssen“ mehr „können“. 

Erfahrungsorientiert: Das Erleben hinter dem Konflikt zugänglich machen

Eine erfahrungsorientierte Intervention würde Jo und Robin dabei unterstützen, hinter ihren eingeübten Rollen und Reaktionen das eigene unmittelbare Erleben wahrzunehmen und auszudrücken. Statt über das gescheiterte Café, Geld oder Verantwortlichkeiten zu diskutieren, könnten beide beispielsweise einen Satz vervollständigen: „Wenn wir über Deine berufliche Situation sprechen, merke ich …“

So könnten hinter Jos Abwertung etwa Angst, Überforderung oder eigener Leistungsdruck und hinter Robins „gar nichts mehr auf die Reihe bekommen“ (Rückzug und Kapitulation) Scham, Verletzung oder die Angst vor weiteren Enttäuschungen und Abwertung zugänglich werden. Entscheidend ist dabei nicht, welche Gefühle tatsächlich auftauchen, sondern dass Jo und Robin aus den vertrauten Rollen heraustreten und einander unmittelbarer begegnen können.

Phänomenologisch: Wahrnehmen, was sich zeigt

Eine phänomenologische Intervention könnte die Familie einladen, ihr gegenwärtiges Beziehungserleben räumlich darzustellen, etwa indem Jo, Robin und Charlie sich entsprechend ihrer momentan empfundenen Nähe und Distanz zueinander im Raum positionieren. Zunächst wird nicht erklärt oder interpretiert, sondern wahrgenommen: Wer steht wem nah? Wohin richtet sich der Blick? Wo entsteht Spannung, wo Entlastung? Was verändert sich, wenn eine Person ihre Position verändert?

So könnte für die Familie unmittelbar erfahrbar werden, wie sich ihre Beziehungen im Moment anfühlen und welche Rolle die verschiedenen Symptome darin spielen. Das entstehende Bild wird dabei nicht als Wahrheit über das Familiensystem verstanden, sondern als momentane Wahrnehmung, aus der neue Hypothesen und Perspektiven entstehen können.

Wachstumsorientiert: Den Übergang als Übergang würdigen

Eine wachstumsorientierte Intervention würde die aktuelle Krise als Übergangsphase rahmen: Die bisherige Familienordnung, in der Jo vor allem die finanzielle Verantwortung und Robin einen großen Teil der Care-Arbeit übernommen hat, trägt unter den veränderten Bedingungen nicht mehr. Eine neue Form des Zusammenlebens und der Aufgabenverteilung ist gleichzeitig noch nicht entstanden. Gemeinsam könnte die Familie deshalb erkunden, was aus der bisherigen Ordnung erhalten bleiben soll, was nicht mehr passt und was neu entstehen darf. So kann die Krise als Entwicklungsphase verstanden werden, in der noch keine fertige Antwort vorhanden sein muss.

So könnte für die Familie unmittelbar erfahrbar werden, wie sich ihre Beziehungen im Moment anfühlen und welche Rolle die verschiedenen Symptome darin spielen. Das entstehende Bild wird dabei nicht als Wahrheit über das Familiensystem verstanden, sondern als momentane Wahrnehmung, aus der neue Hypothesen und Perspektiven entstehen können.

Symptome können belasten, einschränken und verdammt viel Raum im Leben einnehmen. Die Frage nach ihren beziehungsgestaltenden Fähigkeiten ändert daran erst einmal nichts. Sie eröffnet aber einen zusätzlichen Blick: Was passiert eigentlich im System, wenn das Symptom da ist? Was ermöglicht es, was verhindert es, wen bringt es zusammen, wovor schützt es vielleicht oder welcher Grenze verschafft es Ausdruck?

Je nachdem, durch welche systemische Brille wir schauen, fallen die Antworten darauf unterschiedlich aus. Sie sind keine Wahrheiten über Dich oder Dein System, sondern Hypothesen. Und manchmal entsteht genau daraus ein neuer Handlungsspielraum: Wenn sichtbar wird, was ein Symptom möglicherweise für Dich oder Dein Beziehungssystem leistet, lässt sich gemeinsam überlegen, wie genau das auch anders möglich werden könnte.

Welche Geschichte erzählt Dein Symptom?

Wenn Du neugierig darauf bist, Dein Symptom einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten und herauszufinden, welche beziehungsgestaltenden Fähigkeiten darin stecken könnten, können wir das gemeinsam erkunden.

Lilly Maus

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